Interview mit Sifu Gorden Lu, dem Sohn von Lo Man Kam

Ein Interview mit Sifu Gorden Lu

 

Das Interview wurde am 18.08.2004 in Hsinchu (Republic of China) in der Wohnung von Gorden Lu gemacht. Nach dem Interview trainierten der Interviewer Marc Debus und  Dr. Frank Kuhnecke mit ihrem Sihing (älterer Kung Fu Bruder) zusammen mit seinen Studenten in dessen Schule.

 

Marc Debus: Gorden, wann hast Du angefangen das Wing Chun System zu erlernen?

 

Gorden Lu: Ich habe im Alter von 15 Jahren angefangen Wing Chun in der Schule meines Vaters zu erlernen.

 

Marc Debus: Was sind deine Pläne für die nähere Zukunft?

 

Gorden Lu: Ich gehe wieder nach Amerika und werde in Virginia Beach eine Wing Chun Schule eröffnen. Dort werde ich dann im Namen meines Vaters Wing Chun an meine Schüler weitergeben

 

Marc Debus: Gibt es Gründe warum Du gerade nach Virginia Beach gehen wirst?

 

Gorden Lu: Ja mehrere Gründe (lacht).  Erstens unterrichtet niemand das Wing Chun System dort. Zweitens hat Duncan Leung, der dort früher eine Wing Chun Schule hatte, und Chow Gar Meister Lee mich gebeten dort zu unterrichten. Drittens habe ich dort mit Sifu Duncan Leung trainiert und seine Schule in der Zeit von August 1994 bis August 2000 geleitet, als er nicht anwesend war. Viertens ist es sehr schön in Viginia Beach und meine Frau ist bereits dort.

 

Marc Debus: Was macht deiner Meinung nach das Wing Chun zu einem außergewöhnlichen Kampfkunstsystem

 

Gorden Lu: Wing Chun fordert den Trainierenden auf mehreren Ebenen. Wing Chun trainieren bedeutet nicht nur vorgegebene körperliche Drills und Übungen durchzuführen, sondern es erfordert auch ein mentales Training um diese Abläufe zu verstehen und in anderen Situationen umsetzen zu können.

 

Marc Debus: Denkst Du, dass das Wing Chun System noch zeitgemäß ist?

 

Gorden Lu: Absolut, die Menschen heutzutage arbeiten hart, sie brauchen nicht nur körperliche Übungen um ihrem Streß abzubauen und einen Ausgleich zu sitzenden Tätigkeiten zu finden, sondern es ist auch hilfreich eine andere Art des Denkens zu trainieren um wirklich Entspannung zu finden.

 

Marc Debus: Gorden, könntest Du versuchen das näher zu erläutern?

 

Gorden Lu: Gut. Ich erkläre es Euch anhand dieser beiden Kaligraphien (er führt uns zu den Kaligraphien). Diese eine hier besagt „Bewegunslosigkeit ist wie ein still sitzender Hase“. Die andere hier sag t “Bewegung ist wie ein Tiger“. So arbeitet das Wing Chun System. Warten, still sitzen, bedeutet denken, analysieren und vorbereiten, auch in einer Kampfsituation, man benötigt  manchmal Stille um zu sehen was als nächstes kommt. Agieren, kämpfen bedeutet wild und vernichtend zu sein, wie ein kämpfender Tiger. Unser System arbeitet so, wenn wir agieren tun wir dies schnell und präzise, ansonsten warten wir ab und bereiten uns auf die Situation vor, die kommen wird. Action muß immer kraftvoll sein, um seine Träume verwirklichen zu können. Dieses einfache Prinzip des Wing Chun Systems lässt sich auch leicht auf unser übriges  Leben anwenden.

 

Marc Debus: Danke Gorden, diese Erläuterung ist sehr gut nachzuvollziehen. Was palnst Du sonst noch zu tun?

 

Gorden Lu: (Lacht) Ich werde nach Deutschland kommen um meine jüngeren Kung Fu Brüder zu besuchen um mit ihnen zu trainieren und eine gute Zeit zu verbringen.

 

Marc Debus: Das freut uns natürlich sehr. Noch eine abschließende Frage: Unterscheidet sich dein Unterricht sehr von dem deines Vaters?

 

Gorden Lu: Natürlich habe ich eigene Ideen, aber ich versuche immer das Kung Fu so weiterzugeben wie ich selbst es erlernt habe. Natürlich benutze ich in meinem Training auch Elemente, die Sifu Duncan Leung mir  vermittelt hat und die ich für gut halte. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es einfach ist Schülern vorgegebene „Kampfdrills“ beizubringen, man aber dadurch das Gefühl das im Wing Chun System so wichtig ist nicht erlernen kann. Das Chi Sao (klebende Hände – Übungsform im Wing Chun) ist dagegen sehr schwer zu vermitteln. Vielen Praktizierenden fehlt die Geduld und die Ausdauer sich intensiv mit dem Chi Sao zu beschäftigen. Es ist schwer ohne körperliche Kraft zu arbeiten und zu lernen die Kraft des Gegners zu nutzen, wenn er sie einsetzt. Auch hier lässt sich das Prinzip der beiden Kaligraphien wieder anwenden. Diese Erfahrungen versuche ich in meinen Unterricht einzubauen und weiterzuvermitteln.

 

Marc Debus: Gorden, Ich danke dir für dieses Interview und hoffe, dass wir deinen Besuch in Deutschland bald erwarten dürfen. Ich und  die anderen würden uns sehr freuen, wenn Du deine Erfahrungen auch an unsere Schüler  in Deutschland weitergeben würdest.