Namen sind nur Schall und Rauch

 

Namen sind nur Schall und Rauch!

 

..zumindest hat man diese Behauptung in den verschiedensten Kampfkünsten schon öfters zu hören bekommen. Es sein egal, behaupten manche „Kampfkunstlehrer", bei wem man seine Kampfkunst erlernt habe, nur auf den Kämpfer und das Talent käme es an. Früher konnte ich über solche Aussagen noch lachen, heute macht mich so etwas eher traurig. Nicht, weil ich die Leute bedauere, die solchen Blödsinn von sich geben, sondern weil mir die unbedarften Menschen leid tun, die an solche Lehrer glauben und denken, sie würden hier eine Kampfkunst erlernen können.

 

Außer in den Kampfkünsten habe ich noch nie gehört, dass Lehrer oder Schulen nicht wichtig seien, ….oder gar die Qualität nur einen geringen Belang hätte. Wieso gibt es dann für alle möglichen Bildungsgänge, Berufe und Qualifikationen spezielle Schulen, wenn nur das Talent eines Schülers letztendlich den Ausschlag geben soll? Dann brauche ich überhaupt keine Lehrer und kann Alles autodidaktisch erlernen.  Sicherlich spielt Talent bei Allem was man erlernen kann eine Rolle, aber nur ein guter Lehrer weiß dies auch zu fördern.

 

Hinzu kommt dann die Behauptung es sei auch egal, in wievielter Generation ein Lehrer im System einer Lehre stehe. Auch das halte ich für fragwürdig, zumindest dann, wenn man bei einem Lehrer nicht viele Jahre gelernt hat, um auch die kleinsten Details des Gelernten für eine Weitergabe abzuklären. Jeder weiß, dass er Gelerntes nicht genauso weitergeben kann, wie es ihm selbst vermittelt wurde. Man kann Lerninhalte nicht nach Jahren einfach wieder in ihrer Gänze abrufen und weitergeben, es sei den man hat sich auch mit der Didaktik und der Vermittlung des Gelehrten auseinandergesetzt.

 

Mein Sifu (väterlicher Lehrer) Lo Man Kam hat mir in den vielen Jahren, die ich bei ihm lerne, auch die Didaktik des Systems unterrichtet und mich aufschreiben lassen, wie die Lernschritte des Systems im logischen Aufbau aufeinander folgen. Er hat mir Aufzeichnungen und gemalte Bilder aus seiner Lernzeit bei seinem Onkel Yip Man gezeigt, wo ihm dies genauso vermittelt worden ist….somit gibt es noch einen Unterschied: Nicht nur die Generation eines Lehrers innerhalb seiner Linie spielt eine Rolle, sondern auch der Umstand, ob er das System nur erlernt hat, um es für sich selbst umzusetzen, oder ob er gelernt hat das System auch zu unterrichten.

 

Dies deckt sich mit meinen Erfahrungen aus meinem Studium der Sonderpädagogik. Lehren umfasst Didaktik und Vermittlungsstrategien. Nicht jeder gute Kämpfer ist ein guter Lehrer und nicht jeder gute Trainer ist unbedingt ein Ausnahmekampfkünstler. Vielleicht hat er aber das Auge, den Blick für die Richtigkeit einer Bewegung und das Wissen, das Können eines Schülers optimal zu steigern. Berühmte Boxtrainer und andere berühmte Trainer haben viele Champions hervorgebracht….ohne selbst jemals auf einem Siegertreppchen gestanden zu haben!

 

Im Bereich unseres Systems, dem Wing Chun Kung Fu, hat das Ganze zum Teil extreme Auswüchse bekommen. Ich habe von Trainern gehört, die den Namen ihres Lehrers nicht nennen wollen, weil dieser geheim bleiben wolle (hat hier vielleicht die Videokassette mit demjenigen geredet?). Andere meinen ein uraltes, hervorragendes System durch eigene Ideen, Techniken und Formen verbessert zu haben (oder liegt es nur daran, dass hier jemand nur nie die Geduld hatten das System zu Ende zu lernen?). Ich habe sogar einmal in einem Seminar erlebt, wie ein deutscher „Wing Chun"-Trainer, dessen Formen nur noch rudimentär an unser System erinnerten Lo Man Kam darauf ansprach, dass er kein Wing Chun zeigen würde, weil er nicht auf der Zentrallinie mit Kettenfauststößen nach vorne gehen würde (evtl. erklärt derjenige auch Albert Einstein seine Fehler in der Relativitätstheorie!). Zum Schluss folgen dann die, die bei dem „Besten" Schüler eines Meisters gelernt haben (oder vlt. Doch bei dem Schönsten) und jene, die den Namen eines Meisters als ihrem Lehrer benennen, den sie in einem Seminar kennengelernt haben, oder bei dem sie die Grundzüge der Kunst erlernt haben, bevor es ihnen zu zeitaufwendig wurde, oder zu lange dauerte die Kunst zu Ende zu lernen (ich habe meine Unterrichtszeit bei Lo Man Kam in meinem Buch vermerkt und komme dabei auf weit über 1200 Stunden Training mit Anderen, die auch zu Lehrern des Systems ausgebildet worden sind). Bei alledem möchte ich auch nicht die spirituell erleuchteten Lehrer nicht vergessen, die sich auf einer so hohen geistigen Ebene befinden, dass sie Zertifikate ihrer Meister abgelehnt haben (weil diese nicht so wichtig sind, wenn man erleuchtet ist), oder jahrelang Meisterschüler eines Lehrers waren (ohne dass andere Schüler des Meisters sie als solches wahrgenommen haben). Diese Lehrer finden zumindest immer eine Begründung, warum sie nicht in Stammbäumen erscheinen, warum sie keine Urkunden vorweisen können, oder warum zertifizierte Lehrer böse sind (weil sie die schnöden Urkunden des Meisters angenommen haben und auf einer geistigen Entwicklungsebene stehen, die weit unter dem Erleuchteten liegt, quod erat demonstrandum!!!!)

 

Das Alles macht mich nachdenklich und erinnert mich daran, dass der jüngere Kung Fu Bruder von Lo Man Kam, Duncan Leung, gesagt hat, unsere Kampfkunst stirbt aus, wenn die Entwicklungen sich so fortsetzen und die Essenz unserer Kampfkunst immer mehr verwässert wird, durch Menschen, die das System nicht mehr traditionell unterrichten. Leider können Schüler in Europa und Amerika oft nicht auf die Schnelle herausfinden, wie gut die Schule ist, die sie besuchen wollen, oder der gewählte Lehrer, da sie keine Entscheidungskriterien für deren Qualität an der Hand haben. In dieser Erkenntnis steckt alles, was man als einziges Resümee aus all den Vorüberlegungen ziehen kann. Ich werde mich weiterhin bemühen, meine Kampfkunst so weiterzugeben, wie ich sie von meinem Lehrer als Lehre weitergegeben bekommen habe….und dieser von seinem Lehrer. Ich kann (und will) meinen Lehrer benennen und daran festhalten was ich gezeigt bekommen habe, um meine Schüler bestmöglich zu unterrichten, ob sie Wing Chun für sich selbst lernen-, oder unterrichten wollen. Ich werde mir nicht anmaßen das System zu verbessern oder Eigenkreationen ins Training einfließen lassen. Ich werde weiterhin meine Lehrer in Didaktik und Methodik so unterrichten, dass sie das Kung Fu unserer Linie authentisch weitergeben können und noch viele Generationen Spaß an einer traditionellen, chinesischen Kampfkunst haben können.

Marc Debus