Was macht eine traditionelle Kampfkunst aus?

 

Was macht eine traditionelle Kampfkunst aus?

 

Diese Frage bekomme ich immer wieder gestellt und die Antwort darauf ist so Umfangreich, dass ich sie meistens nicht so schnell beantworten kann, wie es sich mein Gegenüber wünscht. Um dieser Frage den nötigen Raum einzuräumen habe ich mich entschieden, sie an diesem Ort einmal in ihrer gesamten Bandbreite zu beleuchten.Ich muss damit anfangen, wie und warum ich letztendlich bei Sifu Lo Man Kam als meinem Lehrer gelandet bin und warum ich ihn und sein System bis heute betreibe. In früheren Trainingsjahren des Wing Chun Kung Fus kam es immer wieder zu Fragen meinerseits, die mir entweder nicht beantwortet werden konnten, oder mit Phrasen abgeschmettert worden. Das Ergebnis war immer das Gleiche….eine unbeantwortete Frage. Das lässt sich sicher in manchen Fällen hinnehmen, sollte aber nicht der generelle Umgang mit einer Frage sein. Bei manchem Trainingspartner kamen diese Fragen nicht auf, aber viele von meinen Trainingspartnern trainieren heute selbst nicht mehr, oder befinden sich nach zwanzig Jahren immer noch beim Erlernen der Handformen unseres Systems.

 

Sifu Lo Man KamDiese Fragen und auch die nicht zu verstehenden finanziellen Strukturen innerhalb meiner damaligen Schule ließen meine Unzufriedenheit wachsen. Weitere Recherchen brachten mich zu dem Schluss, dass ich das System unter meinem damaligen Lehrer nie zu Ende hätte lernen können, da er selbst das System nicht ausgelernt hatte. Dies erklärte mir dann auch, warum Trainerkollegen, die bereits zehn Jahre länger in der Schule Kung Fu lernten nicht mehr als die zweite Handform konnten.

 

Nun folgte eine sehr unbefriedigende Zeit, in der ich nach einer Schule suchte, die mir meinen Wunsch, Wing Chun Kung Fu bis zu den hohen Formen erlernen zu können, ermöglichen würde. Eigentlich ist unbeschreiblich, was mir dabei alles begegnete. Lehrer mit geheimen Meistern, Lehrer, die mir auf Grund meiner Erfahrung sofort eine Landesleitung verkaufen wollten und Lehrer, die mir erzählten, wie sie in einem Jahr ein 400 Jahre altes System wesentlich effektiver gemacht hätten. All dies ließ mich verzweifeln. Meine damalige Lebensgefährtin brachte mir dann der Weisheit letzten Schluss. Auf Grund meiner Unzufriedenheit und der Tatsache, dass sie mit mir von einer Enttäuschung zur nächsten wanderte, ließ sie intervenieren und sie machte mir den Vorschlag, Wing Chun von einem der alten Meister zu lernen, die es ja sicherlich in China noch geben musste.

 

Ich hatte zu dieser Zeit bereits Lehrgänge bei Duncan Leung, Yip Chun und Lo Man Kam besucht und wäre nie auf die Idee gekommen zu fragen, ob diese mich direkt unterrichten würden. Am Meisten hatte mich die Art von Lo Man Kam, sein Gefühl beim Chi Sao und seine Leichtigkeit bei jeder Bewegung fasziniert, also stand mein Entschluss fest ihn zu kontaktieren. Dies gelang mir relativ schnell, über einen alten Trainingspartner, der mit Sifu Lo Man Kam das Seminar ausgerichtet hatte, auf dem ich ihn damals hatte erleben dürfen. Sifus Antwort auf unser Fax kam schnell und er bot an, nach Deutschland zu kommen, sich unser Kung Fu anzusehen und danach eine Entscheidung zu treffen. Ich war platt….damit hatte ich so nie gerechnet, zumal man mir immer erzählt hatte, die alten Meister würden keine Schüler annehmen ohne über tausende von Mark Einstiegsgeld zu reden….jetzt würde ich es sehen. Ich kontaktierte weitere alte Trainingspartner, unter anderem Andreas Zerndt und Olaf Buschke und später auch Frank Kuhnecke, um sie zum Training mit Sifu einzuladen und verband damit auch die Hoffnung, dass sich die Anderen meinem Weg anschließen würden.

 

Es folgte Sifus Besuch. Im Umgang war er im ersten Moment schwierig, er war schwer zu verstehen und gar manches Mal wussten wir nicht, was er von uns wollte, aber die Verständigung klappte von Tag zu Tag besser….und das Training??? Wir standen zwei Tage im Grundstand für die erste Form, die Beine begannen zu schmerzen und zu zittern, Sifu korrigierte unermüdlich die Haltung und ich war mehrere Male kurz vorm Aufgeben. In meinem Kopf drehten sich die Gedanken…Wie lange musste man so lernen um das System zu beenden….wie viele Stunden muss ich noch so stehen….und….will Sifu Lo Man Kam uns wirklich unterrichten?

 

Nach zwei Tagen folgten die ersten Sätze der Siu Lim Tao Form, von der ich damals dachte, ich könnte sie bereits…..weit gefehlt. Unermüdlich korrigierte Sifu jeden kleinen Fehler…und das Beste dabei war: Er konnte an Beispielen zeigen, warum eine Armhaltung falsch war, eine Position im Kampf nicht funktionieren würde, oder warum ein Schlag auf eine bestimmte Art und Weise ausgeführt werden musste….es gab Erklärungen…und sie machten Sinn!!! Trotz des Tatsache, dass wir sozusagen bei Null wieder anfingen machte das Spaß, weil endlich Erklärungen folgten und die Siu Lim Tao Form mit Leben füllten. Ebenso war es bei den Grundübungen zum Chi Sao. Das einarmige Dan Chi wurde immer wieder in seinen Positionen korrigiert und man verstand schnell, wieso eine Haltung genauso….und nicht ein bisschen anders…sein musste. Sifu trainierte mit jedem von uns selbst und der Mythos, dass die alten Meister Schüler nicht anfassen würden löste sich in Luft auf.

 

Die zwei Wochen endeten schnell und zu unserer Überraschung waren die Kosten für unseren Trainingsraum und unsere Verköstigung weit höher als das, was Sifu von uns für das Training verlangte.  Jetzt war noch die Frage nach weiterem Training zu klären, bzw. ob Sifu uns weiter unterrichten würde. Die Frage erledigte sich, als er uns sagte wir sollten möglichst schnell nach Taipeh in seine Schule kommen um das Training fortzusetzen. Das taten wir. Taiwan zur damaligen Zeit war ein Kulturschock. Europäer waren die Ausnahme. Man wurde auf der Straße fotografiert und man zeigte mit dem Finger auf uns. Ich als kleiner Europäer war plötzlich größer als die meisten Menschen auf der Straße. Chinesisches Essen schmeckte anders und sah anders aus, als das was man in den Schleimsoßenküchen Deutschlands als chinesisches Essen angeboten bekam…..und man konnte kein Straßenschild lesen und musste immer fragen „Do you speak English?“….was zum Glück ein großer Teil der Taiwanesen konnte, da es in der Schule gelehrt wird.

 

Das Training auf dem Dach war noch einmal eine ganze Spur härter, als das was wir in Deutschland erlebt hatten. Sifu korrigierte und genauso intensiv wie in Deutschland und ließ unsere älteren Mitschüler, Sihings, mit uns trainieren, um uns möglichst viel Input zu geben. Zu dem intensiven Training kamen Temperaturen um die vierzig Grad und die enorme Luftfeuchtigkeit hinzu. Es war so heiß, dass wir uns entschieden nicht in der Wohnung von Sifu zu schlafen, sondern auf dem Dach (was auch die nächsten Jahre bei den Aufenthalten unsere Heimat sein sollte).

 

Ich kehrte zufrieden nach Deutschland zurück und war damals sieben Kilo leichter als auf dem Hinflug. Wir hatten von Sifu die Siu Lim Tao und die Basics des Chi Sao gelernt und er hatte uns ermutigt dies auch zu unterrichten. Ich hatte zur damaligen Zeit keine Schule und gründete im Nachgang den Kampfkunstverein Hochtaunus, in dem wir seit dieser Zeit das Lo Man Kam Wing Chun System lehren. Im Unterschied zum Lernen anderer Schüler in Sifus Schule, hatte er uns viele Übungen länger und intensiver machen lassen. Wir mussten sie wiederholen und ihm erklären warum man Bewegungen auf eine bestimmte Weise ausführt. Erst dachten wir, dass wir uns besonders dämlich anstellen würden, aber Sifu erklärte uns nach einer Woche: „I teach you, how to teach Wing Chun“. In den folgenden Jahren erklärte er uns immer wieder Elemente der Lehrdidaktik unseres Systems. Welche Übung kommt zuerst….Warum muss man erst das Eine lernen, bevor man das andere machen kann…..Wie lange muss ein Schüler eine Übung machen, um fortfahren zu können…etc. Sifu Lom Man Kam erklärte uns, dass er dies von seinem Onkel Yip Man, unserem Sigung, so gelernt hat und dass er dies genauso weitergeben will. An diesem Punkt war ich mir sicher meinen Meister gefunden zu haben.

 

Es folgten viele Jahre intensiven Trainings, in denen ich jährlich mehrere Wochen nach Taipeh flog. Zudem kam Sifu  jährlich für zwei bis drei Wochen nach Deutschland, manchmal sogar zweimal im Jahr. Mittlerweile hatte jeder von uns Schüler und Sifu unterrichtete auch diese in unseren Schulen. Er sagte uns, es sei seine Aufgabe als deren Sigung dies zu tun, um persönlichen Kontakt zu unseren Schülern zu haben und um uns sagen zu können, worauf wir beim Training mehr zu achten hatten. Das brachte uns als Lehrer viel und Sifu hatte in den folgenden Jahren immer weniger an unseren Schülern auszusetzen. Mittlerweile kamen auch Schüler von uns mit nach Taipeh, um ebenfalls das Erlebnis der traditionellen Schule in China zu haben….dies ist bis heute so. Leider verbinden sich damit auch eine negative Erfahrungen, da einer meiner Schüler sich damals berufen fühlte direkter Schüler von Sifu zu werden, weil er seiner Meinung nach viel schneller gelernt hätte, als ich es getan habe. Das Problem erledigte sich durch Sifu selbst. Er erklärte mir, dass er natürlich meine Schüler nicht so korrigieren würde wie mich, weil dies meine Aufgabe sei. Die vergebenen Zertifizierungen für meinen Schüler habe er als Sigung gegeben, nicht als Sifu. Langsam verstand ich was die Bezeichnung „Familiensystem“ alles beinhaltete.

 

Ein weiterer Schritt auf unserem Weg stellte die Aufnahme in den inneren Kreis der „Familie“ dar. Diese wird auf einem traditionellen Weg durch eine Teezeremonie vollzogen, in der der Schüler in mehreren Verbeugungen vor seinem Meister und über das Reichen einer Schale Tee um Aufnahme in die Familie bittet. Der Meister reicht diese Schale an seine Schüler zurück und bestätigt damit, dass er ihrem Wunsch entspricht und sie in seine Familie aufnimmt. Diese Ehre wurde Frank, Andreas und mir unter Teilnahme unserer älteren chinesischen Mitschüler in Sifus Wohnzimmer zu Teil. Nach diesem Tag änderte sich noch einmal etwas im Umgang mit unseren chinesischen Mitschülern. Sie betonen seit diesem Tag bis heute, dass wir Brüder seien. Ab diesem Zeitpunkt waren wir immer häufiger zu Gast bei Familienfeiern, Partys und auch bei Trauerfeiern, in denen wir als Mitglieder der Familie den Toten unseren Respekt zu zollen hatten.

 

Seit 2007 fahre ich zusätzlich einmal im Jahr zu Sifu Sohn Gorden Lu nach Amerika. Er hat das Wing Chun Kung Fu bei zwei Yip Man Schülern gemeistert. Bei seinem Vater und bei Sisuk 8jüngerer Kung Fu Bruder des Sifu) Duncan Leung. Dort habe ich viele Stunden die Long Bridge Anwendungen des Systems trainiert, für die Sisuk Duncan als Spezialist gilt, so wie Sifu Lo Man Kam als Spezialist für das Chi Sao angesehen wird. Deshalb kommen immer wieder Meisterschüler von Duncan Leung zu Sifu Lo Man Kam um Chi Sao zu lernen und Schüler von Sifu lernen bei Duncan Leung Long Bridge Anwendungen. Ein ganz normaler Austausch unter den Schülern von Sigung Yip Man. Das konnte ich auch erleben, als Sifu mir erlaubte bei einem anderen Yip Man Schüler, Sisuk Wang Kiu Unterricht zu erhalten. Wang Kiu zeigte mir seine Hand- und Waffenformen und Trainingsanwendungen, die er mit seinen Schülern macht. Ein Austausch, den ich ebenfalls sehr zu schätzen gewusst habe. Leider ist Sisuk Wang Kiu mittlerweile verstorben, aber ich konnte viel Gutes aus seinem Training für mich herausziehen und gerade seine historischen Geschichten aus Hong Kong werden mich immer begleiten. Abschließend kann man sagen, dass es die grossen Feindschaften zwischen den Yip Man Linien vornehmlich unter den Personen gibt, die damit ihren Lebensunterhalt bestreiten…..un vornehmlich in westlichen Ländern. Die alten Herren in China sind da erfreulicherweise eher anders. Über die Empfehlung von Sifu Lo Man Kam konnte ich viele weitere Yip Man Schüler besuchen und mich mit ihnen über unser System austauschen und sogar trainiern. Ich nenne hierbei Tsu Chong Tin, Chan Wei Hong, Samuel Lau, Yip Chun, Yip Ching und Li Wei Chi.

 

2012 beendeten wir dann formal das Erlernen des Wing Chun Systems, mit der Doppelmesserform. Ein Wunsch ging nach Jahren in Erfüllung. Hat das Training damit geendet???....Nein….wir fahren noch immer jedes Jahr zu Sifu um mit unseren älteren Mitschülern auf dem Dach zu trainieren, oder die Rolle der älteren Mitschüler bei Anfängern zu übernehmen. Es ist wie bei jeder Familie. Man kehrt immer wieder nach Hause zurück….und es ist schön.

Marc Debus