Interview mit Marc Debus - Hobbymap.de

"Wing Chun ist schnell und effektiv und bietet keinen Raum für Show."

Sifu Lo Man Kam trainiert Marc Debus in Taipeh 

Wie ist Ihr Interesse für Kampfkünste entstanden und wie hat sich daraus Ihre Leidenschaft zum Wing Chun entwickelt?


Mein Interesse begann während meines Studiums, in dem ich Gelegenheit hatte mit einem Freund zu trainieren, der einen Schwarzgurt in Karate hatte. Danke Peter!!!! Ich begann daher mich umzuschauen und stellte fest, dass die weicheren, runden Bewegungen chinesischer Kampfkünste mir besser gefallen haben. Deshalb wählte ich eine Wing Chun Schule aus und startete mein Training. Jahre später veränderte der Kontakt zu Sifu Lo Man Kam alles und das Training in einer traditionellen Schule in China war und ist das, wovon ich immer geträumt hatte.

Warum gerade Wing Chun? Was macht für Sie den Reiz und die Faszination an diesem Hobby aus?


Wie gesagt. Die Wahl war eher zufällig, aber ich verliebte mich schnell in diese Kunst. Die Faszination besteht in der Kürze. Wing Chun ist schnell und effektiv und bietet keinen Raum für „Show“. Das ist meiner Meinung nach die Essenz einer Kampfkunst.


Wie kann man sich das Wing Chun-Training bei Ihnen vorstellen? Was gehört da alles dazu und wie läuft es in der Regel ab?


Ich unterrichte in meiner Schule so, wie ich es bei meinem Sifu Lo Man Kam gelernt habe und dieser es von seinem Onkel Yip Man gezeigt bekommen hat. Es gibt einen Weg des Lehrens im Wing Chun, dem alle Yip Man Schüler befolgen, die ich kennen gelernt habe, bzw. bei denen ich auch trainiert habe. In einem Training werden die Formen trainiert, dann Applikationen der Formen und am Ende wird viel Chi Sao (klebende Hände) trainiert.


Der Weg des Lernens ist dabei immer gleich und jeder Schüler trainiert an dem Punkt, an welchem er gerade steht. Ältere Schüler helfen auf Anweisung des Lehrenden (Sifu) den Anfängern weiter. Deshalb kann man jede Form in einem Training sehen. Es werden Handformen trainiert, Holzpuppe bzw. Waffen (Langstock wenn der Raum dafür da ist) und es gibt keine Geheimnisse, die im verborgenen trainiert werden. Das braucht man auch nicht, da man vom Zusehen die richtige Ausführung einer Bewegung, das Nutzen der Kraft etc. nicht lernen kann. Dazu bedarf es eben eines Lehrers.


Mit welchen Grundlagen und mit welcher Einstellung sollte man mit dem Hobby Wing Chun beginnen, was erachten Sie hier für wichtig?


Wing Chun Training ist nicht einfach. Man lernt es nicht in kurzer Zeit, auch wenn viele dies glauben. Das Kopieren einer Bewegung bedeutet nicht gleichzeitig die richtige Ausführung. Manche Bewegung muss hunderte Male geübt werden um effektiv sein zu können. Chi ist das tausendfache Ausführen einer Bewegung. Das ist das Eine. Das Andere ist Loyalität und Durchhaltevermögen. Zum Training gehen, anstatt auf die Party, üben anstatt faul rumzuhängen. Wenn man dies tut kann man eine Kunst gut erlernen und beherrschen. Nicht jeder Schüler wird exzellent, aber viele werden durch hartes Training sehr gut.


Was sind so „typische Anfängerfehler“ beim Wing Chun und worauf sollte man achten um sich selbst und seinen Trainingspartner nicht zu verletzen?


Einer der Hauptfehler ist die Ungeduld beim Üben. Europäer wollen immer alles „schnell, schnell, schnell“ lernen, was nicht geht. Der zweite Fehler ist die Kraft. Viele Trainierende glauben Bewegungen müssen mit viel Muskelspannung hart ausgeführt werden, dabei ist dies genau falsch. Entspannt sein ermöglicht Geschwindigkeit und „Impact power“. Alles basiert auf dem Verständnis, das eine Kombination von Bewegungen und der Einsatz der Hüftkraft erst eine Gesamtkraft erzeugt, die immens kraftvoll sein kann. Hat man dies verstanden ist ein gefahrloses Training immer möglich, da man sich und seine Bewegung kontrollieren kann. Das ist eigentlich Alles.


Was waren für Sie bislang besonders tolle Momente und Erlebnisse rund ums Wing Chun und welche persönlichen Ziele wollen Sie mit dem Wing Chun noch erreichen?


Ein besonderes Erlebnis war die Aufnahme in den inneren Kreis der Wing Chun Familie durch Sifu Lo Man Kam. Dies geschieht durch eine Teezeremonie, die durch den Meister und die älteren Schüler durchgeführt wird. Es dauert lange und bedarf einer gewachsenen Beziehung von Sifu und Schüler, um diese Ehrung zu erhalten und dann zum sogenannten inneren Kreis der Schüler zu gehören. Diese Ehre wurde mir zusammen mit meinen Freunden Frank Kuhnecke und Andreas Zerndt als einzige in Deutschland lebende Schüler zuteil. Mancher glaubt, dass Titel und Positionen im Wing Chun gekauft werden können. Dies mag in manch europäisierten System so sein, aber der traditionelle chinesische Weg ist ein Anderer.


Als Ziel setze ich mir, das System auch weiterhin so zu unterrichten, wie es mir beigebracht wurde. Weiterhin selbst mit meinen langjährigen Freunden Andreas Zerndt, Olaf Buschke, Frank Kuhnecke und auch Gorden Lu, dem Sohn Lo Man Kams, zu trainieren, um jede Möglichkeit zu nutzen, die Qualität des Trainings zu verbessern. Ansonsten sollen die Schüler natürlich Spaß im Training haben, weil... mal ehrlich... das ist das Wichtigste beim Gestalten der eigenen Freizeit. Jeder der daraus mehr macht wird natürlich bestmöglich gefördert, damit auch die nachfolgende Generation wieder gute Lehrer für das Fortbestehen des Wing Chun Systems hat.


Vielen Dank, dass Sie uns mehr über das Hobby Wing Chun erzählt haben.