Erfahrungen und Effekte des Doppelmessertrainings

Erfahrungen und Effekte des Doppelmessertrainings

Die Wing Chun Doppelmesser. Für viele Wing Chun Enthusiasten die Form, auf der die meiste Begehrlichkeit liegt und mit der verschiedene, leider auch häufig unseriöse Lehrende, viel Geld verdienen. Deshalb ist die erste Diskussion, die man in Bezug auf diese Form vernimmt meistens auch mit der Geldfrage verbunden. Sehr schade eigentlich.... aber zum Glück konnte ich bei meinem Sifu Lo Man Kam andere Erfahrungen machen und habe mittlerweile die ersten Schüler selbst in der Form unterrichtet, ohne dabei reich zu werden.

Dr. Frank Kuhnecke beim DoppelmessertrainingUm auf das Training und dessen Effekte einzugehen, muss ich dazu sagen, dass in diesen Artikel die Erfahrungen und Anregungen meiner Haupttrainingspartner Gorden Lu und Dr. Frank Kuhnecke mit eingehen. Viele Stunden Training und Austausch haben diese Erfahrungen mit sich gebracht, die ich hier zu beschreiben versuche. Gleichzeitig versuche ich die Veränderungen darzustellen, die sich während des Trainings der Form und Techniken gezeigt haben.

Das gesamte anfängliche Training mit den Doppelmessern habe ich mit Dr. Frank Kuhnecke zusammen absolviert. Zuerst lehrte uns Sifu Lo Man Kam die acht Grundübungen, die trainiert werden müssen, um ein sinnvolles Training der Form zu ermöglichen. Diese Bewegungen sind die Grundbestandteile der acht Sektionen und ermöglichen später ein einfacheres Lernen der Form. Dabei kommt es auf die Haltung der Messer an, die Positionen und die Ausführung von Schlägen und Abwehrbewegungen. Gleichzeitig kommen verschiedene Übungen zum kräftigen der Handgelenke hinzu. Was anfänglich in meinem Kopf als schnell zu bewältigende Aufgabe verankert war, stellte sich schnell als mühevolle und langwierige Übungsphase heraus. Der Umgang mit den Messern und das Einnehmen der Positionen waren häufig mit mehr als einer Schwierigkeit verbunden. Das Flippen (drehen der Messer am Parierhaken der Messer) war anfangs komplizierter als man dachte und das Training war vom Scheppern fallender Messer begleitet.

Sifu Lo Man Kam zeigt die SchlagrichtungStundenlanges Training mit Schritten, Training gegen Holzstäbe, bzw. Stöcke die der Partner schlägt oder stößt, führten aber zum gewünschten Erfolg. Schmerzende Handgelenke durch die ständigen Erschütterungen gehörten ebenfalls dazu. Mir fiel dies besonders schwer, da ich vor Jahren durch eine Nekrose Teile meines Mittelhandknochens eingebüßt habe und mit der dadurch entstandenen Bewegungseinschränkung zusätzlich umgehen lernen musste.

Nach dieser Trainingsphase folgte Sektion für Sektion das Erlernen der Form. Mancher Bewegungsablauf war vertraut, da es sich hierbei um Bewegungsmuster handelte, die man ohne Messer bereits aus den Handformen und der Holzpuppe kannte. Andere Bewegungen und Abläufe waren durch das Benutzen einer Waffe eher neu und auch das hantieren mit den Messern zeigte mir sehr schnell, dass dies unter Verwendung geschärfter Messer schnell ein paar Finger gekostet hätte, bzw. aufgeschnittene Unterarme die Folge von falschen Bewegungen gewesen wären. Aus diesem Grund sollte man erst eine enorme Sicherheit durch langes Üben mit Trainingswaffen erlangen, bevor man zu der Nutzung geschärfter Messer übergeht. Dies dauert deshalb naturgemäß einige Zeit, bevor zum nächsten Schritt des Doppelmessertrainings übergegangen werden kann.

Gorden Lu und Marc Debus trainieren MesseranwendungenDas nun folgende Training war für mich der spannendste Teil des Trainings. Unter Verwendung von Trainingswaffen und entsprechender Schutzbekleidung wurde die reale Anwendung der Doppelmesser trainiert. Hierfür können ungeschärfte Trainingsmesser aus Metall oder Polypropylentrainingswaffen benutzt werden. Die Kunststoffwaffen haben sich im Laufe des Trainings als besonders geeignet herausgestellt, da sie ermöglichen mit der entsprechenden Kraft zu trainieren und das Verletzungsrisiko trotzdem gering gehalten wird. Trotzdem sollte man erwähnen, dass Treffer mit den Kunststoffwaffen in ungeschützten Bereichen und bei Krafteinsatz auch in geschützten Bereichen nicht folgenlos bleiben. Blaue Flecken, Schwellungen und schmerzhafte Verletzungen an den Fingern durch Treffer oder das Verkanten der eigenen Waffen muss man hierbei leider in Kauf nehmen.

Das Training hat aber auch Effekte für das waffenlose Training. Bewegungsabläufe, die man im Waffentraining einschleift, lassen sich auch im waffenlosen Kampf umsetzen und gewinnen durch das Training mit den Messern an Präzision und Effektivität. Wie sich auch durch das Langstocktraining Effekte für den Hüfteinsatz und die Kraftausübung im waffenlosen Training aufzeigen lassen, präzisiert das Doppelmessertraining das Zusammenspiel der Arme, verbessert Stabilität und Kraft der Hände und Handgelenke und hat einen großen Einfluss auf das Verständnis von Kampfstrategien.

Hierbei zeigt sich mir, dass die Behauptungen die in den letzten Jahren häufig zu lesen waren, ein Training der Waffenformen des Wing Chun Kung Fu´s sei unnötig, da man weder einen Langstock noch Doppelmesser jemals zum Einsatz bringen könne, als völlig falsch zu bezeichnen sind. Diese Formen und deren Training nehmen einen enormen Einfluss auf die Umsetzungen in den waffenlosen Formen, da der Schüler Trainingseffekte der Waffenformen im waffenlosen Kampf deutlich spüren kann. Krafteinsatz, Genauigkeit und Strategie werden verbessert und zeigen neue Wege des Kämpfens auf.

Mit Sifu Lo Man Kam beim taiwanesischen Kung Fu VerbandDie Behauptung die Waffenformen hätten keinen Nutzen sind vermutlich eher von Leuten aufgestellt worden, die nie in den Genuss gekommen sind, die letzten Formen des Wing Chun Kung Fu Systems erlernen zu können. Leider ist es ein großes Problem, dass der Großteil heute unterrichtender Wing Chun Lehrer keine Möglichkeit hat die Waffenformen des Systems zu erlernen, bzw. selbst keine Lehrer hatten, die die Formen erlernt haben. Deshalb auf die Behauptung auszuweichen, man brauche die Waffenformen des Systems nicht ist allerdings nicht die Lösung dieses Problems. Die Waffenformen gehören sehr wohl zum System dazu und bringen den Schüler auf seinem Weg die Kampfkunst zu meistern in vielen Bereichen enorm weiter. Dies implementiert der Begriff „System“ schon an für sich. Es ist zu hoffen, das Wing Chun Begeisterte diese Möglichkeit auch geboten bekommen und die Zeit der „Geheimnisse“ (sei dies die Legende geheimer Techniken oder die Frage bei wem, bzw. wie viel eines Kampfkunst ein Lehrer selbst erlernt hat)  vorbei ist und unsere Kunst in Gänze weitergegeben wird. Sollte sich dieser Gedanke nicht durchsetzen, wird unser Stil aussterben oder sich durch das Einmischen anderer Kampfstile bis zur Unkenntlichkeit verändern. Ich wünsche mir das nicht und werde auch weiterhin meinen Schülern das gesamte System unterrichten und kann schon heute mit Stolz sagen, dass mehrere meiner Schüler das System unter mir abgeschlossen haben. Ich bin auch weiterhin gerne bereit, wie auch meine Trainingskollegen in den anderen Lo Man Kam Wing Chun Schulen, allen Wing Chun Begeisterten diesen Weg zu ermöglichen, denn es geht darum ein traditionelles System zu erhalten und nicht sterben zu lassen.

 

Marc Debus