20 Jahre Weg

20 Jahre Weg – Erkenntnisse und Erfahrungen aus der Wing Chun Welt

 

Seit 1992 beschäftige ich mich mit der asiatischen Kampfkunst Wing Chun, die vor allem durch meinen Sigung (Großvater im System) Yip Man zu großer Bekanntheit gekommen ist. Ich unterrichte das System seit 1996 und habe seitdem vieles gesehen und gelernt, dass ich nun in einem kurzen Bericht darstellen möchte.

Taiwan 2001Als ich angefangen habe Wing Chun zu unterrichten, habe ich meinen Meister, Lo Man Kam (Neffe und langjähriger Schüler Yip Man´s) noch überhaupt nicht gekannt. Ich habe ihn erst Ende 1996 auf einem Lehrgang kennengelernt. Ich war der festen Überzeugung, dass ich bereits weit fortgeschritten war, beim Erlernen des Stils. Im Lehrgang machte ich dann Erfahrungen, die ich so noch nicht kannte. Es wurden Bewegungen und Basics erklärt, die mich vieles verstehen ließen, was mir vorher nicht erklärt werden konnte. Dies setzte einen Denkprozess in Gang, der mich 1999 mit meinen beiden Freunden Olaf Buschke und Andreas Zerndt dazu brachte, bei Lo Man Kam anzufragen, ob er uns als Schüler unterrichten wolle. Zum Glück war die Antwort positiv und das brachte einen weitern alten Trainingspartner und Freund, Frank Kuhnecke, hinzu.

Es folgte die Zeit des Lernens, die ich bereits mehrfach beschrieben habe und schließlich der Abschluss des Systems mit der Beendigung der Doppelmesserform. In all den Jahren habe ich meine Kampfkunstschule weiter geführt und mir die Entwicklungen bei meinen Schülern angesehen. Hierbei habe ich viele Veränderungen wahrgenommen.

Viele dieser Erfahrungen decken sich mit Erfahrungen, die Meister anderer Kampfkünste gemacht haben und mit denen ich mich über diese Phänomene ausgetauscht habe. Hierbei nenne ich gute Freunde wie Jürgen Kippel, Mario Pestel und Christian Kronmüller, die ihre Stile auch heute noch erfolgreich in eigenen Schulen unterrichten. Aber was hat sich verändert? Als erstes finden sich weniger Schüler, die sich der Kunst mit Herz und Seele verschreiben. Früher habe ich selbst 6-7 Tage die Woche jeweils 2 Stunden trainiert – und ich war da nicht die Ausnahme. Der harte Kern waren dabei mindestens zehn Leute. So war das auch später in meinen eigenen Schulen. Schüler mit Interesse an der Kunst, die bedingungslos eintrainierten, was sie gezeigt bekommen haben. So wie wir es selbst in Taiwan bei Lo Man Kam auch erfahren und umgesetzt haben. Die Erkenntnis, wofür man bestimmte Bewegungsabläufe braucht kam dabei von alleine. Sifu hat einmal zu mir gesagt, dass der Meister weiß, wen er was trainieren lässt und warum. Es sei die Aufgabe des Lehrers einen Schüler durch individuelle Aufgaben zu fördern und so sicher zu stellen, dass sie ihr Kung Fu entwickeln können.

Die Erfahrung der letzten Jahre sagt, dass dieser harte Kern in allen Schulen kleiner geworden ist. Ebenso die Schüler, die nicht bei jeder Technik fragen warum sie etwas machen sollen, bzw. warum der andere etwas anderes trainiert als sie selbst. Das Vertrauen, dass der Lehrer weiß, wohin der Weg gehen soll ist bei vielen nicht vorhanden und Trainingsinhalte werdenimmer häufiger in Frage gestellt – und das ist leider nicht nur in Kampfkunstschulen so. Ein Highlight war ein Schüler, der mir erklärte er bezahle für eine Dienstleistung und entscheide selbst was er lernen wolle. Ich habe ihn für diese Einstellung gelobt und gebeten sich eine Schule zu suchen, die ihm dies ermöglichen kann – er trainiert heute woanders.

Ebenso ist die Anzahl der Trainierenden deutlich gesunken. In den letzten Jahre haben Schüler im ersten Training häufiger die Frage gestellt, wie lange sie trainieren müsse umTrainierende sich verteidigen zu können (bzw. unbesiegbar zu sein!!! ). Diese Frage beantworte ich immer gerne mit dem Satz, es käme immer darauf an, wie oft sie zum Training erscheinen würden. Manch einem dieser Schüler habe ich dann nach drei Monaten sagen müssen, dass sie bei der unregelmäßigen Trainingsbeteiligung wohl Jahrzehnte brauchen werden. Aber es gibt auch immer noch die Anderen, die gerne und viel trainieren und deren Trainingserfolge geben der traditionellen Lehrmethode immer wieder Recht. Ein Irrglaube der heutigen Zeit ist, dass man durch das Anziehen eines Helmes und Faustschützern und Sparring ohne Technik zu einem guten Kämpfer werden würde – den Erfolg solcher Trainingsweisen müssen die Leute dann oft bitter in Auseinandersetzungen auf der Straße oder in der Disco erfahren.

Kung Fu ist harte Arbeit, so ist es zu übersetzen und so wird es bleiben. Es gibt keine schnellen Erfolge und keine Systeme, die man in einem Jahr erlernt. Schülerzahlen steigen immer dann, wenn neue Kampfkunstfilme durch die Kinos ziehen, sie sind aber nicht nachhaltig und nach einem Jahr ist wieder alles wie es war. Beim jedem Kampfkunsttraining muss man sich anstrengen, nicht nur körperlich, sondern auch mental. Im Zeitalter der schnellen Erfolge ist ein traditionelles Kampfkunstsystem fast schon wie eine Meditation zu sehen. „Back tot he roots“, um durch harte Arbeit nachhaltige Erfolge zu erzielen – und man lernt dabei nicht nur sich zu verteidigen, sondern es ist ein befriedigendes Gefühl eine traditionelle Kampfkunst wie das Wing Chun Kung Fu dadurch weiterhin bewahren zu helfen.

M.Debus